· 

Cars & Nations: Frankreich


Im dritten Teil unserer Cars & Nations-Serie bleiben wir noch einmal in Europa bis wir für den nächsten Teil über den großen Teich aufbrechen. Nach Deutschland und Italien ist es für mich nur logisch, auch mehr als nur einen kurzen Blick nach Frankreich zu werfen.

Den Franzosen wird nachgesagt, alles etwas gelassener zu sehen. Erstmal auf einer der unzähligen Dachterrassen mit Blick auf den Eiffelturm genüsslich sein Croissant frühstücken und dabei die Le Parisien lesen. Und genauso sind auch die meisten ihrer Autos. Weich, fast wie in einer Sänfte, gleitet man über die Straßen. Dazu passend die meist Sofakissen-ähnlichen Sitze. Aber auch technische Innovationen zeichnete die Entwicklung der Französischen Automobilindustrie aus. Ein weiteres Merkmal französischer Autos ist das meist extravagante Design.

Doch der Reihe nach: Wie schon in der ersten Ausgabe angedeutet, kam das erste "Auto" aus Frankreich. Er stellte im Auftrag für die Armee einen mit Dampf betriebenen Wagen her, der alleine auf etwa 4 km/h kam. Allerdings war er mit 4 Tonnen Gewicht so schwer, dass er beinahe unlenkbar war und so endete eine Vorführfahrt in der Kasernenmauer. Damit wurde dem Projekt keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt.

Ernst zu nehmende Fahrzeuge kamen Ende des 19. Jahrhunderts. Peugeot baute die ersten französischen Fahrzeuge, dicht gefolgt von Renault und dann erst kam Citroën. Dafür aber umso energischer. Mit dem Typ A nahm man sich vor, 100 Autos pro Tag zu bauen und wurde so Europas erster Großserienhersteller. Jahre später war auch Citroën Kläger in einem der ersten Plagiats-Prozesse. Man klagte gegen Opel, der "Laubfrosch" sei nur eine plumpe Kopie des eigenen Typ C. Einziger wirklicher Unterschied: Opel lackierte seine Autos grün, während Citroën ein Zitronengelb wählte. Dies könnte auch ein Deutungsversuch der Redewendung: "Dasselbe in Grün" sein.

Renault glänzte in den Anfangsjahren bereits mit unzähligen Patenten. Darunter befanden sich welche auf die Kardanwelle, die einschraubbare Zündkerze, den Turbolader und vielen mehr. Auch konzentrierte man sich stark auf Nutzfahrzeuge, was bis heute spürbar ist, da sie nach wie vor stark in dem Segment vertreten sind. Nach dem Krieg stellte man wieder von Rüstungs- auf Automobilproduktion um. Eines, wofür die Franzosen bekannt sind, sind die Cabrios mit Stahlverdeck. Erlebte die Konstruktion zwar im neuen Jahrtausend eine Renaissance, kam bereits 1934 mit dem 601 Eclipse eine Variante des Wagens mit elektrisch (!) versenkbarem Stahlklappdach auf den Markt. Doch das Fahrzeug floppte am Markt, worauf Peugeot 30 Jahre lang kein solches Konzept mehr baute.

Citroën ging einen anderen Weg als der Mitbewerb und setzte auf Innovationen. Mit dem Traction Avant baute man ein Auto mit Frontantrieb, dass durch intelligente Position des Motors und des Getriebes eine hervorragende Straßenlage und Traktion bot. Dadurch eignete sich das Auto perfekt für Bankräuber als Fluchtfahrzeug, weil man damit die Verfolger locker abschütteln konnte. Darum hat das Auto auch den Spitznamen "Gangsterwagen"

Nach dem Krieg konzentrierte man sich auch hier darauf, die wachsende Mittelschicht zu bedienen. Darum wurden erstmal einige Klein- und Kompaktwagen produziert. Peugeot nannte seit den 30ern ihre Modelle meistens nach dreistelligen Ziffernkombinationen mit einer Null in der Mitte. Sie brachten mit dem 202 und 203 Fahrzeuge, die noch an die Vorkriegsmodelle erinnerten. Detail am Rande: Der Porsche 911 sollte eigentlich 901 heißen. Dies ging aber nicht, weil sich Peugeot eben diese Nummern-Kombinationen schützen ließ. Am Erfolg des 911er konnte dies aber auch nichts ändern.

Renault brachte mit dem 4CV ein Auto, dass sehr stark an den Käfer erinnerte. Wer von wem, sagen wir mal "gelernt" hat, kann ich leider nicht sagen. Citroën ging wieder einen anderen Weg und baute ein relativ kleines, aber günstiges Auto das später Kult wurde. Den 2CV oder die "Ente", wie sie heute genannt wird. Hier wieder interessant: Der Prototyp des Käfers wies massive Ähnlichkeit mit der Ente auf. Auch hier kann man kaum sagen, wessen Idee das Design war. Die Vision des 2CV war es, ein Auto zu bauen, in dem zwei Bauern und ein Sack Kartoffeln Platz haben, dass so einfach zu bedienen ist, das auch ein ungeübter Fahrer einfach losfahren kann und so gut gefedert sein, um auch die schlimmsten Feldwege zu überstehen.

Das Ergebnis spricht Bände : Zwischen 1949 und 1990 wurden über 5 Millionen (inkl. Lieferwagen!) Enten produziert. Noch heute erfreut sich eine große Community an der Ente. Mein Vater hat eine Ente in der Sonderversion "Dolly" vor vielen Jahren um 2000 Schilling (ca. 140€) gekauft und komplett restauriert. Damals war ich gerade mal 13 Jahre alt und hab mich so geschämt, wen ich darin mitfahren musste. Inzwischen hab ich den Kult auch verstanden!

Ein weiterer Meilenstein von Citroën wurde " die Göttin " genannt. Der DS wurde 1955 vorgestellt und prompt 12.000 mal vorbestellt. Eine Besonderheit war die neue Federung, genannt Hydropneumatik. Diese konnte durch Hydraulik und Pneumatik auf die bewährten Dämpfer und Federn verzichten und einen nie dagewesenen Fahrkomfort bieten. Allerdings war das Fahrgefühl so ungewohnt, dass Neukunden dies mit einem zu weichen und unsicheren Fahrwerk verbanden. Werkstattmeister von Fremdmarken oder freien Werkstätten schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, wenn sie die grünen Federkugeln im Motorraum sahen. Die Technik galt als extrem kompliziert und unbeliebt bei den Mechanikern.

Später kam noch das erste Kurvenlicht der Welt dazu. Mit der Lenkung verbunden, drehten sich die Scheinwerfer entgegen zur Kurve und leuchteten auf einen Spiegel, der die Kurve ausleuchtete.

1975 wurde dann Citroën von Peugeot gekauft und fortan als Zwei-Klassen System unter dem Namen PSA geführt. Peugeot als sportlich und Citroen mit dem avantgardistischen Design, dass jene Kunden ansprechen soll, die sich von der Masse abheben soll.

Renault erkannte man stark am kantigen Design, aber sie zeichneten sich auch immer wieder mit sportlichen Leckerbissen aus. Die hauseigene Sportwagenmarke Alpine liefert immer wieder was fürs Auge und war auch im Rallysport erfolgreich. Aber am bemerkenswertesten finde ich den Renault 5 Turbo. Für mich der Gründer des Segments "Hot Hatch". 970 kg , 160 Turbo-PS und die Sicherheitsstandards der 70er. Der Motor in der Mitte des Autos eingebaut, trieb er die Hinterräder an.

Renault machte das gleiche später noch einmal, als sie dem Renault Clio V6 einen 6-Ender mit rund 230 PS einpflanzten. Gott, hätte ich gern so ein Auto. Aber der 5er-Turbo war auch im Rallysport erfolgreich und gleichzeitig ein Marketing-Instrument um Kunden zu gewinnen.

Ein anderes Segment, dass mehr oder weniger von Renault begründet wurde, waren die Vans. Mit dem ersten Espace wurde der Nerv der Zeit getroffen. Die Kunden wollten immer mehr immer weiter transportieren. Die ganze Familie samt Hund und Fahrräder plus Gepäck für einen Wochenurlaub muss Platz haben. Dies war mit dem Espace endlich möglich. Erst viel später stieg Ford und VW auf den Zug auf.

Die 90er waren auch in Frankreich der Beginn eines Modellfeuerwerks und der quasi Neuerfindung der großen französischen Hersteller. Auch hier dominierte Kunststoff den Innenraum, aber auch hervorragende Dieselmotoren stachen heraus.

Im Kleinwagensegment war der Peugeot 205, der baugleiche Citroën Saxo vertreten. Renault baute seinen bis heute bestehenden Clio. In der Mittelklasse teilte sich PSA auch hier eine Plattform: Citroën hatte den Xantia, Peugeot den 405 und später 406, von dem es auch eine wunderschöne Coupeversion mit 3.0 V6 gab. Renault nannte seine neue Mittelklasse "Laguna". Ende der 90er stellte Peugeot seinen Kleinwagennachfolger 206 vor. Dieser wurde auch als CC Version mit Stahlklappdach vorgestellt und löste einen wahren Boom aus.

Er war das erste preisgünstige Cabrio mit Stahlklappdach. Dazu noch zwei eher als Notsitze gedachte Plätze im Fond musst man sich auch in der Nutzbarkeit nicht zu sehr einschränken. Mercedes hatte zwar den SLK im Angebot, allerdings nur als Zweisitzer und zu typischen Mercedes-Preisen aufgerufen konnte er dem Franzosen nie gefährlich werden.

Renault öffnete derweil die Mittelklasse als Megane CC und feierte auch große Erfolge. Später brachte Renault mit dem Wind und Peugeot mit dem 308CC je ein Konkurrenzmodell zum Mitbewerb, beide Fahrzeuge blieben aber weit hinter den Erwartungen zurück. So stark der Trend auch war, die jeweiligen Nachfolgemodelle konnten nicht an die Zahlen der Vorgänger anschließen und verschwanden irgendwann klammheimlich aus dem Angebot. Derzeit gibt es aus Frankreich kein Cabrio zu kaufen.

Und heute? Aktuell war gerade wieder großer Modellwechsel bei Renault. Dazu ist die Marke mit der Raute sehr stark im Elektromarkt vertreten mit der hauseigenen Marke Z.E. (Zero Emission) . Auch die Marke Alpine wurde wieder belebt und mit dem A110 einen 252-PS starken Mittelmotorsportwagen setzte man gleich ein Ausrufezeichen. Fast so schnell wie ein Alfa Romeo 4C , dafür aber alltagstauglich. Das macht ihn interessant.

PSA hingegen geht einen anderen Weg. Man fokussiert sich auf SUV in allen Klassen. Als Coup wurde noch die Marke Opel von GM erworben und wird gerade in den Konzern integriert. Es ist davon auszugehen, dass Opel langfristig keine eigenständigen Autos mehr produziert. Dafür kann der Konzern mehr verschiedene Fahrzeuge auf gleichen Plattformen bauen. Es wird sich zeigen, ob sich der erwartete Erfolg einstellt.

Citroën hat mit den "Airbumps" eine technische Neuheit auf den Markt gebracht. Diese mit Luft gefüllten Kunststoffplatten sollen leichte Stöße abfedern, wie leichte Parkrempler oder Kontakt mit Einkaufswägen. So toll diese Sache ist, sie sieht eigenartig aus, passt aber wiederum zum extravaganten Citroën-Design. Dazu wurde auch ein Name wiederbelebt: DS. Als eigenständige Luxusmarke von Citroën soll die anspruchsvollere Kundschaft angesprochen werden. Allerdings, so scheint es mir, ist man auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Dieses Segment ist hart umkämpft und nicht selten wird rein nach Image gekauft. Und beim Image sind die drei großen Deutschen immer noch weit voraus!

Ich hoffe, auch der dritte Teil hat euch gefallen. Hab ich was vergessen, gefällt euch was nicht? Oder habt ihr gar auch ein Kindheitstrauma mit einem Franzosen erlitten? Schreibt es mir in die Kommentare!

 

- th -

Kommentar schreiben

Kommentare: 0