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Cars & Nations: Italien

Buongiorno, unser zweiter Teil der neuen Serie führt uns in das sonnige und warme Italien. Die Menschen hier sind so heißblütig und dabei doch so gelassen. Genau wie ihre Fahrzeuge. Schnell, wunderschön, und dennoch gerade so zurückhaltend, um nicht aufdringlich zu wirken. Meistens jedenfalls! Gehen wir zurück zu den Anfängen.

Die älteste Automarke Italiens ist Fiat. Ihre Gründung geht auf 1899 zurück. Groß wurde die Marke aber erst etwas später. Der Geschäftsführer, Giovanni Agnelli, besuchte die Fabrik von Henry Ford, und war von der Massenproduktion so beeindruckt, dass er das gleiche System auch in Italien einführte. Die erste große Produktionsstraße - die Lingotto-Fabrik - in Turin wurde gebaut. Eine Besonderheit: Durch die Platzknappheit wurde die hauseigene Teststrecke, auch für die damalige Zeit ungewöhnlich, auf dem Dach errichtet. Ich hatte schon das Vergnügen, eine Runde oben zu drehen. Die Autos wurden damals bis zur Endgeschwindigkeit ausgefahren, in schwindelerregender Höhe. Ob jemals ein Auto abgestürzt ist, ist mir nicht bekannt. Und dann der grandiose Ausblick: In nordwestlicher Richtung kann man bei klarem Wetter bis zu den Französischen Alpen sehen.

Unweit von Turin, in Mailand, ensteht zeitgleich eine zweite Automarke. Diese ist bis heute, positiv oder negativ, fest in den Köpfen verankert: Alfa Romeo. Die Marke hat sich dem Motorsport und zeitgleich dem Bau von sportlichen Fahrzeugen verschrieben. Im hauseigenen Rennteam wurde ein Fahrer eingesetzt, dessen Name man später noch oft hören wird: Enzo Ferrari.

Lancia. Das stand in Italien für Luxus. Aber nicht nur: Um sich von den anderen abzuheben, brachte man ständig neue Modelle, um immer wieder neue Patente umzusetzen. So war es Lancia, die als erstes eine elektrische Anlage in ihre Autos bauten und konnte so mit Anlassern und beleuchteten Armaturen auffahren. Eine andere Erfindung, heute Standard, aber 1923 Zukunftsmusik: Stoßdämpfer, Einzelradaufhängung und selbsttragende Karosserie.

Bis zum zweiten Weltkrieg tat sich in Italien nicht viel. Es wurden mal mehr, mal weniger Autos produziert und die meisten Hersteller waren häufig nahe der Zahlungsunfähigkeit. Richtig interessant wurde es erst nach dem Krieg, als der Wirtschaftsaufschwung, wie in Deutschland, auch in Italien zu einer neuen Mittelschicht führte. Und die wollte eben auch neue und schöne Autos kaufen. Und von denen gab es eine Menge: Fiat lieferte den Topolino und später den 500 im Kleinwagensegment, Alfa Romeo die Modelle Giulietta, Giulia oder Spider, und für die betuchteren Kunden Lancia Fulvia und Flavia.

Auch ein neuer Name wurde immer bekannter. Carlo Abarth machte sich mit dem Tuning von kleinen Fiats schnell einen Namen. Das gab es vorher nämlich noch nicht. Rennautos mussten immer pfeilschnell sein und immer schneller werden, aber Abarth verstand es, die Autos so an den Mann zu bringen, dass nicht nur Superreiche Rennen fahren konnte. Das Konzept ging auf, die Marke existiert bis heute.

Dazwischen gründete Ferruccio Lamborghini die gleichnamige Automanufaktur. Schon seit Jahren entstanden Traktoren in seiner Fabrik. Doch ein Streit mit Enzo Ferrari (Er soll zu ihm gesagt haben: "Du kannst ja nur Traktoren bauen") hat ihn so erzürnt, dass er sofort mit der Planung eines eigenen Supersportwagens begonnen hat. Und mit dem Miura zeigte er Enzo gleich, das er es ernst meint!

Auch wenn die Verarbeitungsqualität nicht immer an die Konkurrenz ran kam, die Kunden verziehen es ob der schön geformten Linien. Bella Macchina. Das allein verkaufte aber auch keine Fahrzeuge, so mussten sich die Ingenieure etwas einfallen lassen. Und das taten sie. Ein völlig neues Konzept. Antrieb und Motor vorn, in einem Kompaktwagen? Mit dem Alfasud trauten sie sich was. Aber es war zu wenig, da keiner in Italien dem Konzept viel Erfolg zugetraut hätte. Miserabler Rostschutz und schwankende Qualität in der Produktion tat ihr übriges. So erntete die deutsche Konkurrenz mit dem Golf die Früchte. Wer weiß, wäre das anders gelaufen, vielleicht hieße die Kompaktklasse heute Sud-Klasse.

Erneute Geldprobleme halfen den Erfindern auch nicht, Innovationen zu entwickeln. Ein großer Umbruch war dann in den 70ern und 80ern, als Fiat nach und nach alle maroden Firmen aufkaufte. Lancia, Alfa Romeo, Ferrari, Abarth sind nur ein paar der Namen. Fortan entschied man sich, die Marken so zu positionieren, dass sie sich nicht gegenseitig im Weg standen. Alfa Romeo soll sportlich sein, Lancia luxuriös und Fiat soll das Kleinwagensegment gehören. Durch Verwendung gleicher Plattformen entstand so auch etwas wie das erste Baukastensystem im Fahrzeugbau. Nur leider auch wieder halbherzig umgesetzt, wieder waren es die Deutschen, die zwar später, aber besser zeigten, wie es geht.

Das letzte Jahrzehnt des Jahrtausends war eines der erfolgreichsten des italienischen Fahrzeugbaus. Fiat bringt mit dem Punto einen absoluten Stückzahlbringer im Kleinwagensektor. Er überzeugt durch freche Linien, spritzigen Motoren und knalligen Farben und nimmt der meist biederen Konkurrenz unzählige Kunden ab. Alfa Romeo zündet das Modellfeuerwerk etwas später, aber mit dem 147 in der Kompaktklasse und dem 156 in der Mittelklasse gelingt ein großer Wurf und bringt nie dagewesene Stückzahlen. Der 156 war zudem der erste PKW mit Common-Rail Einspritzung. Dieses System wurde ursprünglich in Italien erfunden, die Patente aber nach Deutschland verkauft wo es von Bosch zu Ende entwickelt und auch vermarktet wurde.

Ferrari brachte auch neue Sportwagen wie den F355 und später den 360 Modena auf den Markt. Sahnestück war aber der F50, der als Nachfolger des Legendären F40 auf Formel-1 Technik zurückgreifen konnte. So kam der 12-Zylinder leicht abgeändert direkt aus der Königsklasse des Motorsports. Die zu der Zeit zu Chrysler gehörende Sportwagenmarke Lamborghini wird von Audi übernommen und neu geformt.

Ende des Jahrzehnts gründet Fiat ein neues Segment: Den Minivan. Mit dem Multipla bringen die Italiener ein Auto auf dem Markt, dass trotz der kompakten Außenmaße Platz für bis zu 6 Leute und Gepäck beherbergt. Das Konzept war erfolgversprechend. Allerdings muss man sich zwei Sachen fragen: Wer in der Designabteilung mit verbundenen Augen gearbeitet und wer vom Vorstand das Finale Design abgenickt hat.

Da half auch keine Werbung von Legende Michael Schumacher. Das Auto wird als so hässlich empfunden, dass es heute im Museum of Modern Art steht. Interessanter Fakt: Das Auto war vor allem bei Tauchern beliebt. Durch die Sitzbank für drei Personen vorne konnte man die Rückbank heraus nehmen, Sauerstoffflaschen liegend transportieren und trotzdem zu dritt tauchen fahren.

Das neue Jahrtausend hätte das der Italiener werden können. Hätte. Sie waren nahe dran, ein neues Segment zu Gründen, bevor es dieses überhaupt gab. Alfa Romeo stellte mit dem "Kamal" ein Concept-Car vor. Ein Sportliches Mittelklassefahrzeug mit steil abfallendem Heck, 5 Türen und höherem Einstieg vor. Der Lifestyle-SUV. Heute kaum wegzudenken, hatten die Herren damals entschieden, dafür gäbe es keine Kundschaft. Die wahrscheinlich fatalste Entscheidung in der Geschichte. Man verschlief den Trend und brachte erst 2017 (!) ein Auto in der Klasse. Da hatte jeder andere Hersteller schon den zweiten Modellwechsel.

Ferrari und Lamborghini entwickelten sich prächtig, das Geld saß bei der betuchten Kundschaft ja locker. Zumindest bis zur großen Finanzkrise 2008. Danach zeichnete sich wieder das gleiche Bild ab. Erneut brachte man neue Modelle, für die es großteils dann wieder keine Nachfolger gab. Da darf man sich zurecht fragen: Was macht ihr Italiener? In Wahrheit, eine Menge.

Was viele nicht wissen: Sergio Marchionne, der 2004 das Ruder bei Fiat übernahm, rettete den Konzern vor dem Ruin. Ich bin mir sicher, ohne ihn gäbe es die Marke Fiat und den Rest nicht in der gleichen Form. Dem Jahrhundertmanager gelang ein Coup: Er fusionierte praktisch kostenlos mit Chrysler. Böse Zungen sagten damals den Untergang beider Konzerne voraus, doch sie irrten.

Für den europäischen Markt war es absolut schlecht, sich erstmal auf den amerikanischen Markt zu konzentrieren, doch das Ergebnis hätte sich keiner zu träumen gewagt. Der Markt in den USA begann gerade zu boomen und mit einer völlig neuen Produktpalette von Chrysler und Jeep sanierte man sich am Heimatmarkt und verdiente nach und nach das benötigte Geld, um auch auf den anderen Märkten wieder durchzustarten.

So mussten wir in Europa bis 2016 warten, als das Zeitalter eingeleitet wurde. Und Alfa Romeo brachte mit Giulia und Stelvio zwei technisch anspruchsvolle und vor allem wunderschöne Fahrzeuge. Auch Fiat zündete ein Modellfeuerwerk. Lancia hingegen starb den langsamen Tod. Für die ehemals so glänzende Marke war kein Platz mehr da. Doch die Stückzahlen könnten nach wie vor besser sein. Das liegt aber nicht an fehlenden oder zu schlechten Modellen sondern viel mehr an der immer größer werdenden Konkurrenz. Und die kommt unter anderem aus Südkorea.

Wie immer freue ich mich über eure Kommentare, Fragen, Anregungen oder auch Kritik. Am besten direkt unter dem Beitrag!

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Raphael Frey (Samstag, 19 Januar 2019 10:55)

    Sehr informativ und interessant zu lesen! Nur die Zeilen mit diesem ominösen Fiat Multipla hätte man getrost weglassen können, da wurde mir wieder kurz schlecht beim lesen :D

  • #2

    Thomas Haneder (Samstag, 19 Januar 2019 13:21)

    Also Raphael bitte, der multipla ist ein Stück italienischer Geschichte, zwar dunkel aber immerhin. Das zu verschweigen wäre ja wie wenn du Deutschland aus der Geschichte des zweiten Weltkriegs löschen würdest � leider hat Fiat nichts gelernt. Den gleichen Fehler beim Design haben sie beim 500L wiederholt.

  • #3

    Jack (Montag, 21 Januar 2019 16:22)

    Sehr Interessant zu lesen! Ich studiere Deutsch an der uni also helfen diese Artikel mir,mich zu verbessern. Vielen Dank!