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Alfa Romeo - Ohne Herz wären wir nur Maschinen


Dieses mal schreibe ich über eine Fahrzeugmarke, dir mir persönlich sehr am Herzen liegt. Nicht nur, dass ich einen gut erhaltenen Youngtimer mein Eigen nennen darf, habe ich auch beruflich täglich damit zu tun, da ich diese Autos nun mal verkaufe.

 

Kaum eine Marke spaltet die Gemüter so sehr wie die aus Mailand. Einerseits halten sich hartnäckig die Gerüchte, ein Alfa Romeo würde schon am Prospekt rosten, was zweifelsohne in den 70ern der Fall war. Dazu später mehr. Andererseits gibt es die absoluten Auto-Freaks wie Jeremy Clarkson (Top Gear , The Grand Tour) mit dem Zitat:

 

You cant be a true Petrolhead until you´ve owned an Alfa Romeo.

 

Und dann gab es da ganz früher einen gewissen Henry Ford, der sagte:

 

Immer, wenn ich einen Alfa Romeo sehe, ziehe ich meinen Hut.

 

Also was ist es, dass diese Marke gleichzeitig abstoßend und begehrenswert macht?

Schauen wir zu den Anfängen. Bereits 1910 wurde die Marke A.L.F.A ins Leben gerufen. Die Firma beschäftigte sich hauptsächlich mit der Produktion von Automobilen und brachte mit dem "24HP" auch gleich ein Fahrzeug in den Markt, dass später auch im Motorsport eingesetzt wurde.

Während des ersten Weltkriegs ging der Firma das Geld aus, und ein Ingenieur aus Neapel, Nicola Romeo, stieg ein. Er schaffte es, die Firma wieder auf Kurs zu führen, und nach Kriegsende wurden wieder Fahrzeuge produziert.

Trotz Sieg in der ersten Motorsport-Weltmeisterschaft rutschte die Firma in eine von vielen weiteren Zahlungsschwierigkeiten. Unter ständig wechselnden Führungen schaffte es das Unternehmen, gerade so auch den zweiten Weltkrieg zu überstehen.

 

In den 50ern stellte man sich neu auf. Man wollte eine neue Käuferschicht ansprechen, und mit kleineren, aber trotzdem bildschönen Autos, die Interessenten überzeugen. Das Konzept ging auf. Die Giulia und die Giulietta kamen im Markt gut an.

Aber es schien, immer wenn es bergauf ging, gab es einen Rückschlag. Kommen wir zurück zu dem Thema Rost.

Der Alfasud war es, der einst die heutige Golf-Klasse formte. Als inzwischen verstaatlichter Betrieb wurde gefordert, ein Werk in Süditalien zu betreiben, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Die Fertigung unterlag starken Qualitätsschwankungen. Es gab durchschnittlich einen Streik pro Woche, und die Rohkarrossen wurden ungeschützt draußen gelagert. Das konnte nicht gutgehen.

 

1986 wurde die Marke dann von Fiat übernommen, und man stellte die Produktion großteils auf Frontantrieb um. Darum gilt auch der Alfa 75 als der "letzte echte" Alfa Romeo. Tatsächlich aber wäre ein Fortbestehen der Marke ohne Hilfe nicht möglich gewesen. So entstanden bis 1997 die Mittelklasse-Limousinen 164 und 155 und die Kompaktwagen 145 und 146 und ein Sportcoupe namens GTV.

 

Die Bombe im Design zündete man 1997. Walter da Silva zeichnete die Kompakt- und untere Mittelklasse neu. Das Designmerkmal von Alfa Romeo war immer der Kühlergrill im Dreieck-Format, Scudetto genannt. Dieses mal wurde der aber so groß über die ganze Stossstange gezogen, dass das Kennzeichen auf die Seite weichen musste. Ein weiteres Merkmal, dass sich bis heute hält.

Die neuen Modelle mit Namen 147 und 156 mischten den Markt für Alfa-Verhältnisse richtig auf. Tolle 4- und 6-Zylinder Motoren begeisterte die Kundschaft und viele trauten sich endlich, einen Alfa Romeo zu kaufen. Es folgte noch ein Sportcoupe auf 147er Basis mit dem Namen GT.

 

Doch all dies half wieder nichts, und man weiß nicht woran es lag. Die Nachfolgemodelle waren nur halbherzige, maximal nett gemeinte Gesten. Der 159, Nachfolger vom 156, war zwar optisch gelungen, aber viel zu schwer und kompliziert geraten. Die Benzinmotoren, einst Aushängeschild, waren nun zugekaufte 4- und 6-Zylinder von GM. Die Motoren waren zu schwach und das Übergewicht tat ihr übriges. So konnte man nur die Hardcore-Fans halten. Wer wissen will, was ich meine, sollte einen 3,2V6 Alfa Motor aus Arese, der schon rein optisch mit seinen polierten Ansaugrohren punktet, und dann den 3.2V6 von GM, der wie lieblos in den Motorraum geschmissen wirkt, Probe hören.

 

Dann kam 2008 der Kleinwagen MiTo, der im Segment der Premium-Kleinwagen positioniert werden sollte. Auch der konnte nur schwache Ergebnisse einfahren. Das lag sicher am Preis, aber auch an der Tatsache, dass er nur als 3-Türer zu haben war. Zwei Jahre später kam dann der nächste Lichtblick. Die neue Giulietta sollte dem BMW 1er und dem Audi A3 Konkurrenz machen. Dies gelang zum Teil, das Auto war schön, die Motoren endlich wieder sportlich. Die Verkäufe zogen spürbar an. Alles schien gut zu laufen, doch: 2010 stellte man den GT ersatzlos ein. Gefolgt vom Alfa 159.

Dies allerdings aus einem speziellen Grund. Das Werk, in dem das Auto produziert wurde, war abrissreif. Der Hersteller wollte aber keine Unsummen in den Bau stecken, nur um die ohnehin magere Nachfrage nach dem Mittelklassewagen zu bedienen. Pikantes Detail: Es gibt in Italien ein Gesetz, dass es verbietet, Werke zu schließen, solange die jeweilige Baureihe noch produziert wird. Demnach war es wohl günstiger, das Fahrzeug auslaufen zu lassen, ohne einen Nachfolger im Talon zu haben.

 

Und da war sie wieder, die Durststrecke, mit 2 Modellen im Kleinwagensektor. Es gab viele Vorzeichen und einige Ankündigungen für den Nuova 159. Dazwischen wurde uns ein Appetithäppchen der besonderen Sorte geliefert. 2013 lieferte Alfa Romeo die ersten 4C aus. Ein Mittelmotor Sportwagen mit Carbon-Monocoque und Alu-Rahmen. Der Kenner weiß, hier gehts um minimales Gewicht. Daher reicht auch der 241-PS Motor aus der Giulietta für Sprintwerte von 0 auf 100 in 4,5 Sekunden. Klima gibt´s kostenlos, wer denn eine will. Alles nur Gewicht. Ich bin in meinem Leben viele schnelle und starke Autos gefahren, aber noch nie sowas Brachiales wie den 4C.

 

2015 wurde dann endlich die "Giulia" vorgestellt. Eine Limousine, die den Benchmark in Leichtbau und Sportlichkeit setzen soll, absolut gelungen. Und wie immer ein optischer Hingucker. Der große Bruder, der erste SUV der Marke, hört auf den Namen "Stelvio" und teilt sich viel mit der Giulia. Top-Modell bei beiden Fahrzeugen: Die Quadrifoglio. Das Quadrifoglio Verde, also das 4-blättrige Kleeblatt, ziert schon lange die jeweils stärksten Alfa Romeos. Mit einem Bi-Turbo V6 Motor und 510 PS, bei der Giulia wahlweise sogar mit Handschaltung und Hinterradantrieb, kann wenig schief gehen.

 

Und jetzt? Die Zahlen waren sicher schon besser, aber auch schon viel schlechter. Der neue Produktplan wurde heuer vorgestellt, und der lässt uns das Wasser im Mund zusammen rinnen: Ein neuer GTV, also ein sportliches Coupe und auch ein neuer 8C als Supersportwagen sind nur 2 der angekündigten Modelle. Und die sollen es in sich haben, sogar von bis zu 800PS ist die Rede.

 

Mein Fazit: Einen Ruf zerstörst du leider sehr schnell. Und Vorurteile haften genauso wie Spinnweben. Ja, es wurden viele schlechte Entscheidungen getroffen. Eine davon war, als 2001 eine Studie namens "Kamal" vorgestellt wurde. Ein 147, nur höher. Es war der erste SUV, bevor es die Fahrzeugkategorie überhaupt gab. Der Vorstand stampfte das Projekt ein, mit der Begründung, für sowas gäbe es keinen Markt. Und die Früchte haben wieder die anderen geerntet, genau wie beim Alfasud. Trotzdem kann man die Marke einfach nur lieben. Die Linien, die Detailverliebtheit, das bekommt man bei einem deutschen Hersteller einfach nicht. Und so beende ich den Beitrag mit einem weiteren Zitat, diesmal vom Kollegen von Jeremy Clarkson, James May:

 

In einen Alfa Romeo einzusteigen ist wie in einer Bar in Mailand Platz zu nehmen.

In einen Audi einzusteigen ist wie in einem Postamt in Berlin Schlange zu stehen.  

 

- th -

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