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Working as a team


"Le Mans is such a great race because you can never do anything alone. You have to work as a team member. And being a team member makes you a better person" ...

 

Dieser Satz stammt von niemand geringerem als dem 9-fachen Le Mans-Gewinner Tom Kristensen. Die wirkliche Bedeutung kann man vielleicht erst erfassen, wenn man am eigenen Leib die Erfahrung gemacht hat, Mitglied in einem Team zu sein. An einem gemeinsamen Ziel zu arbeiten. Zusammen leiden, sich gemeinsam zu freuen. Das ist schon eine einzigartige Erfahrung.

 

Ich durfte dieses Gefühl bereits erfahren. Zusammen mit meinem fantastischen Teamkollegen, Thomas Haneder, konnten wir die Rennserie der Gavra Academy in der Teamwertung gewinnen. Als Sahnehäubchen obendrauf gab es noch den Sieg in der Einzelwertung für Thomas. Und ich konnte in dieser Kategorie den zweiten Platz belegen. Was für ein Gefühl. Immer noch klingt mir unser ausgelassenes Gelächter im Teamfunk in den Ohren. Die Emotionen sprudelten förmlich.

 

Doch gibt es einen großen Unterschied zum Teamrennen in Le Mans: In der Academy waren wir jeder in unserem eigenen Fahrzeug unterwegs und haben versucht, jeder für sich die beste Platzierung zu erreichen. Und damit natürlich auch viele Punkte für die Teamwertung.

 

In Le Mans hingegen sitzt immer nur ein Fahrer im Cockpit. Der Rest der Crew ist in dieser Zeit nur Zuschauer. Da stellt sich die Frage: Was ist der bessere Part? Aus der Erfahrung der letzten Nacht kann ich nur sagen: Der Fahrer hat definitiv den besseren Part. Er hat die Action in der Hand. Natürlich steht er unter Druck. Doch das Leiden am Bildschirm ist unendlich viel größer.

Von Beginn des Rennens, am Samstag um 15:00 Uhr, war das Team bis auf wenige Ausnahmen in der Nacht, ständig zusammen. Selbst wenn man nicht am Steuer saß, war an Schlaf kaum zu denken. Viel zu sehr sprudelte noch das Adrenalin im Körper, wenn nach knapp zwei Stunden Fahrt der Wagen an den Kollegen übergeben wurde. Gemeinsam verfolgte man das Rennen im Livestream.

Aber auch der aktuelle Fahrer wurde nicht alleine gelassen. Ständig hielt wenigstens einer via Teamfunk den Kontakt. Informierte den Piloten über aktuelle Geschehnisse im Rennen.

 

Je länger das Rennen im Gang war, desto mehr rückte das Team zusammen. Ein spürbarer Prozess.

Und als der Morgen graute kam die grausame Erkenntnis, dass es wohl nicht reichen würde.

Nach meinem verheerenden Crash und der ewig langen Standzeit zur Reparatur, fuhr ich nicht mehr raus. Tobias übernahm. Jetzt mussten wir schnellstens die restliche Rennzeit planen. Denn alle vorherigen Überlegungen waren jetzt nicht mehr zu halten. Mehr als zwei Runden Rückstand auf die Führenden in der GTE-Klasse. Das Hadern mit sich selbst, weil man beim eigenen Stint nicht die optimale Leistung erbracht hat. Der emotionale Aufbau durch die Kollegen brachte einen wieder in die Spur. Jetzt setzten die taktischen Überlegungen ein: Was können wir noch tun, um uns eine minimale Chance zu erarbeiten?

 

Währendessen fuhr Tobias einen völlig entfesselten Stint. Er prügelte förmlich seine Corvette über die Strecke. Das ging zulasten der Reifen und auch der Benzinverbrauch machte uns jetzt Sorgen. Dauernd wurde gerechnet - ständig in Kontakt mit dem Fahrer. Tobias schaffte das Unmögliche: in seinem Stint von ca. 100 Minuten holte er den Rückstand von zwei Runden auf. Nun trennten uns noch knapp 2 Minuten von den Führenden. Längst waren die Medienverantwortlichen auf diesen Kampf aufmerksam geworden. Fast die gesamte Sendezeit galt nur noch diesem Zweikampf auf der Strecke. Zumal in der LMP1-Klasse die Entscheidung schon längst gefallen war. Und viele Zuschauer beteiligten sich im Chat am Renngeschehen mit entsprechenden Kommentaren.

 

Noch etwas weniger als 4 Stunden lagen vor uns. Thomas Steiniger übernahm das Cockpit. Auch er mit einem Wahnsinnstempo. Doch leider sass im Cockpit des Gegners ein Pilot, der dieses Tempo ebenfalls aufrecht halten konnte. Trotzdem gelang es Thomas immer ein Stückchen näher zu kommen. Von Runde zu Runde. Das Rechnen im Kommandostand ging jetzt unentwegt. Das Ziel: Thomas so lange wie möglich auf der Strecke zu halten. Damit wir im letzten Stint nur einen Tankstopp einlegen mussten. Zwischenzeitlich musste Thomas seine Gemischeinstellung ändern, um Sprit zu sparen. Das kostete wieder Zeit.

 

Noch 100 Minuten Restfahrzeit im Rennen. Tobias übernimmt für die letzte Fahrt. 1 Minute und 27 Sekunden Rückstand. Im gegnerischen Fahrzeug ebenfalls der mit Abstand schnellste Fahrer des Teams. Und wieder legt Tobias ein mörderisches Tempo vor - baute einen enormen Druck auf den Vordermann auf. 4 Sekunden pro Runde nimmt er ihm ab. Der Rest des Teams atemlos und mit stark erhöhtem Puls vor den Bildschrimen. Mir sträuben sich die Haare immer wieder, wenn ich sehe, wie Tobias durch die Kurven knallt. Vor meinem geistigen Auge sehe ich ein ums andere Mal wie er abfliegt - in die Mauer kracht. Aber nein, er hat den Wagen komplett unter Kontrolle.

Dann erwischt es oldrome. Ein Fahrfehler und Einschlag in die Mauer. Unser Team flippt komplett aus vor den Bildschirmen. Tobias wird sofort informiert. Ständig fragt er nach, wie sich sein Benzinverbrauch entwickelt. Wir sind nur noch dauernd am rechnen.

Der Gegner muss zur Reparatur in die Box. Kommt aber immer noch mit knapp 12 Sekunden Vorsprung raus auf die Strecke. Doch merkt man seiner Fahrweise an, dass das Selbstbewusstsein gelitten hat. Seine Fahrt wirkt unrund. Der Rest vom Team kann sich vor Spannung kaum noch auf den Sitzen halten vor den Bildschirmen. Thomas hat ständig Kontakt zu Tobias.

 

Kurz danach ist es soweit. Tobias kann an oldrome vorbei ziehen und sich an die Spitze setzen. Und sich schnell absetzen. Noch 70 Minuten muss jetzt alles gutgehen. Die Zuschauer feiern im Chat unseren Fahrer und unser Team. Was für ein Gefühl!

 

3 Runden noch, dann sind 24 Stunden Rennen und fast 400 Runden vorbei.

Tobias meldet einen Einschlag. Schwerer Schaden an der Aero und der Aufhängung.

Fassungsloses Entsetzen im Kommandostand. Schnell der Entschluss und die Meldung an Tobias: "Fahr weiter und versuche zu retten was möglich ist."

Keine Ahnung was ich zu diesem Zeitpunkt für einen Puls hatte. Und den restlichen Temakollegen erging es nicht anders. Und ich mag mir gar nicht vorstellen, was gerade in Tobias vorging. Er konnte sich nur noch mit äußerster Vorsicht über die Strecke schleppen. Der 18-Sekunden-Vorsprung schmolz wie Eis in der Sonne.

Die Zuschauer am Bildschirm flippten total aus, wie man an ihren Kommentaren lesen konnte.

Gefühlt war es eine Ewigkeit, in real gerade einmal 10 Minuten. Und es reichte. Nach 24 Stunden ging Tobias als Erster in der GTE-Klasse durch das Ziel. Denkbar knapp vor der Konkurrenz.

 

Die Gefühle bei uns allen waren unbeschreiblich. Doch für ausufernden Jubel waren wir alle zu ausgelaugt und müde. Und die letzten 10 Minuten hatten mehr Nerven gekostet als das gesamte Rennen davor.

Doch der Triumph schmeckt sehr süß. Der Stolz ist schon groß. Wir durften Glückwünsche aus aller Welt entgegennehmen. Einer der schönsten kam von einem Mitfahrer aus der LMP1-Klasse: AOR Davidben schrieb via Twitter:

"Outstanding drive, was rooting ESR after my stint finished early this morning. What a show you guys put on!"

 

Dafür bedanken wir uns natürlich sehr herzlich. Ebenso wie bei den Veranstaltern und Machern bei Gavra Racing, die dieses Event ermöglicht haben. Wir sind alle wahnsinnig froh, die Erfahrung als Team gemacht zu haben. Und für uns sind alle Vollblutracer, die in diesem Rennen die Zielflagge gesehen haben. Im Kampf gegen den Gegner und sich selbst.

 

- ue -

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Raphael Seimet (Montag, 27 August 2018 13:01)

    ESR gilt der höchste Respekt! 24h konzentriert zu fahren und dabei zu bleiben ist nicht einfach. Ich habe es schon selber am eigenen Leib erfahren. 24h der Nordschleife, auch als Mechaniker eines realen Rennteams, einfach Wahnsinn und anstrengend.

    Mein Glückwunsch geht an jeden einzelnen Fahrer im Team.

    Well Done!

  • #2

    Th (Montag, 27 August 2018 17:22)

    Was für ein Erfolg Jungs, Gratulation aus Mallorca. Als vollblut Motorsportler verfolge ich auch hier dtm Formel Eins und so gut es geht natürlich auch eure Erfolge! Macht weiter so, die nächste Saison wird nicht einfacher werden! Keep racing guys